Freitag, 22. September 2017

W23 – Yo-Yo, Xylophon





Man hat nicht die geringste Ahnung, woher der Jojo kommt. Geradezu abenteuerlich ist die Streuung in den vermuteten Herkunftsländern: Griechenland, die Phillipinnen, China. Es gibt Abbildungen vom Yo-Yo (bleiben wir einmal bei der Schreibweise) auf antiken griechischen Vasen.



Schauen wir einmal in Meyers Konservationslexikon von 1905:
 
Geschicktes Nachlassen und ein kleiner Ruck

Was für eine hübsche Beschreibung! Und es ist das „vornehmste Straßen- und Fensterspielzeug“. Die Ausgabe von 1888 ergänzt Es war 1790-94 in Frankreich und dann auch in Deutschland so beliebt, daß die vornehmsten Personen damit auf Spaziergängen spielten. Also schon zu Meyer-Zeiten ist es nur 100 Jahre alter heißer Scheiß, und wird lustigerweise „schuhuh“ ausgesprochen. Siegfried Kracauer berichtet 1932, daß es wieder in französischen Seebädern in Mode geraten ist. Die nächste Konjunktur des Jojos findet Mitte der Sechziger Jahre statt; ich denke, da habe ich ihn auch kennengelernt, aber mich als ziemlich untalentiert erwiesen.



Dann wieder kommt der Jojo in den Nullerjahren. Die erste Weltmeisterschaft findet 2008 statt. Allerdings gibt es jetzt technischen Fortschritt: durch den Einbau von Kugellagern und Getrieben werden die Geräte komplexer: es gibt beispielsweise den Schläfer-Trick, bei dem Jojo scheinbar vor sich hin baumelt, dann aber durch einen kleinen Ruck wieder die Schnur emporläuft. Das sind natürlich rein mechanische Innovationen – das einzig Elektronische am Jojo sind irgendwelche Lichter, was aber nur Zierrat darstellt. Interessant sind die Abstände, mit denen der Jojo in Mode gerät. Es gibt sozusagen einen Jojo-Effekt in der Jojomode. Seit 1900 scheint sich ungefähr ein Zyklus von 30 Jahren zu etablieren. Das ist eine Art kultureller Wiederholungsgeschwindigkeit und entspricht – ich mag nicht beurteilen, ob das Zufall ist oder nicht, den Abstand einer Eltern-Kinder-Alterskohorte (im Durchschnitt. Wenn Mütter immer älter würden, dann müßte sich die Wiederholungsgeschwindigkeite verlangsamt haben). Aber auch wenn die technische Weiterentwicklung rein mechanisch ist – was sich geändert hat, ist die Kommunikation und Distribution des Jojo-Knowhows und die Schaffung weltweiter Arenen. Selbst ein Zauberwürfel war nach 1981 auf Schulhofpropaganda angewiesen und auf den SPIEGEL (zur Verbreitung der Lösung). Der digitale Schulhof ist heutzutage 149 Mio. qkm groß. Wenn ein japanischer Jojospieler einen neuen Trick erfindet, ist das in der Szene am selben Tag bekannt. Früher konnten sich kaum Szenen bilden, weil es gar keine medialen, selbstbedienten Echkokammern gab. Auch die weltweite Ansteckungsgeschwindigkeit ist viel höher – die Welt brennt wie Zunder, wenn es Jojos, Fidget Spinner etc. gibt. Man müßte einmal eine kulturelle Epidemiologie schreiben.
 


Xylophon. Am Ende vom X, da ist das Xylophon. Ich fand das schon als I-Dötz bemerkenswert: Das X war, zusammen mit dem Y, sozusagen die beiden Verlierer in der Buchstabenklasse. Und im Xylophon-Wort stehen sie sozusagen in der Ecke des Pausenhofs wie lächerliche Loser und kauen auf ihrem Leberwurstbrot. Eigentlich müßte sich das Q auch noch dazugesellen. Alle drei zusammen kommen nicht auf 0,1% (das E, der Klassenstar, liegt bei 17,40%) des Gesamtvorkomen. Im Englischen ist das x immerhin bei 0,15%, im Französischen sogar das Doppelte, ja und das y liegt sogar vor p und b. Im Polnischen liegt das y sogar bei 3,2%. Im Italienischen gibt es das y gar nicht.



Apropox Pausenhof. Ich war gestern tatsächlich auf dem alten Pausenhof verabredet, das erste mal seit über dreißig Jahren. Maike kam so pünktlich wie damals zur zweiten Stunde. Die Schule war früher ein häßlicher grauer Betonblock und ist jetzt ein häßlicher türkisgrauer Betonblock. Man hat einen Kiosk dort eingerichtet, wo früher die Schulbibliothek war. Die Tartanbahn, einst Stolz der Sportlehrer, ist total abgerockt, und man kann kaum noch die Laufbahnen ausmachen. Auf der einen Seite des Sportplatzes fehlt das Tor, und mir ist nicht ganz klar, wie man da Fußball spielen soll.



Wir gingen um das Gebäude und waren uns nicht einig, wo der Musikraum früher gewesen war. Als wir Sextaner waren (sagt man das heute eigentlich noch?), waren wir der erste Jahrgang in dem neuen Gebäude. Seitdem haben mehr als drei komplette Kohorten dort Cosinus und Caesar, Osmose und Ohmsches Gesetz gelernt.
 


Sportplatz, Bäume, Wolken




Dann erwischte uns die Hausmeisterin. Sie war aber sehr nett, die Frau Klos, und wir durften sogar die Aula angucken. Früher war die Schule allerdings viel, viel größer und ist in den letzten 30 Jahren geschrumpft. Jedes Jahr werden alle Schüler fotografiert und die Köpfe auf ein riesiges Poster gedruckt. Wenn dann ein unbekannter Schüler etwas ausgefressen hat, kann ein Zeuge dann den Halunken auf dem Poster identifizieren. So ähnlich wie ein RAF-Fahndungsplakat. Dann fragten wir nach Lehrern. Einige, die zu unseren Zeiten gerade Referendare waren, gehen jetzt in Pension. Wir gingen durch den Lehrerflur, und ich hatte auch wieder mein leichtes Lehrerflurunwohlsein. Der Lehrerflur war ja der einzige Gang, durch den man nicht laut herumrufend durchrennen konnte. Es war ohnehin kein gutes Zeichen, im Lehrerflur zu sein. Dann durften wir noch die Eingangshalle sehen, die viel kleiner war als in der Erinnerung. Aber so ist das manchmal. Die Dinge werden größer in der Erinnerung, oder man selbst ist gewachsen, oder die realen Dinge schrumpfen. Schön war es. Seltsamer Ort, neun Jahre meines Lebens, und es hat dort so viel angefangen, eigentlich alles.



 

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