Freitag, 17. November 2017

Z13 - Zirkel, Zitrone - Drittletzter Post



Zirkel. Diesen alten Zirkelkasten der Fa. Riefler hab ich von meinem Vater geschenkt bekommen. Neben dem normalen Bleistifteinsatz gab es auch Aufsätze für Tusche. Ich hab das dann auch ausprobiert, man hatte ja Tusche auch für den Kunstunterricht. Das war aber nur eine riesige Sauerei.

 
 
 

Der Nullenzirkel ist übrigens ein Zirkel mit Feder und einer verstellbaren Achse. Man kann damit Kreise mit Durchmesser von 0,1mm bis 15mm zeichnen. Erfunden hat ihn 1874 Emil Oskar Richter, der später mit der Firma Richter-Reißzeug in Chemnitz extrem erfolgreich wurde. Später wurde daraus die VEB Polytechnik in Karl-Marx-Stadt, die tatsächlich den einzigen Arcade-Spielautomaten der DDR baute, den Polyplay, ein Pacman-Klon. Später ist sie dann in der Wiedervereinigung verglüht.
 
 
Zitrone. Die Zitrone kommt natürlich aus Italien. Die Medici liebten die Zitrone ganz besonders und haben im 16. Jahrhundert in der Villa Medici de Castello in Florenz einen Zitrusfrüchtegarten angelegt, der noch heute existiert. In dieser Zeit sind die Zitrusfrüchte auch in die italienische Küche gesickert. Etwa nach Rom, zum berühmtesten Koch der Renaissance, den Lombarden Bartolemeo Scappi. Er hat über vierzig Jahre lang für sechs Päpste gekocht, mochte allerdings keine Zitronen und hat immer nur Apfelsinen benutzt, wie seinem 1570 erschienenen Kochbuch „Opera“ zu entnehmen ist.
 
Gegenwart: Julia hat einen Zitronenbaum. Sie schreibt mich an: „Ich bin mir nicht sicher, ob Du weißt, dass wir ein Zitronenbäumchen haben. An diesem Bäumchen wächst seit 2 Jahren eine Zitrone, die immer schöner geworden ist. Cornelius möchte sie nun bald ernten. Mäxchen auch. Und Klara sowieso. Man kann nun aber nicht einfach zum Bäumchen laufen, die Zitrone abreißen, aufschneiden und in den Tee drücken.“ Und hier das Foto von Julias zweijähriger Zitrone, umlauert von drei zitronengierigen Kindern und einem Königspudel:
 


 


 

 



Ob ich denn vielleicht ein zitroniges Rezept zur Hand hätte? Ich habe allerdings überhaupt keine Ahnung von der Zitronenküche. Aber schließlich bin ich ein Erbe des ersten Fernsehkochs Clemens Wilmenrod (schaut doch mal, eine der ersten Einträge im Blog, A16). Wilmenrod erfand mit Karl-May-Phantasie die dollsten Geschichten um seine Rezepte. Unvergessen, wie er eine Schwäbische Hackfleischpfanne mit Meerrettich in sein Arabisches Reiterfleisch verwandelte, mit dazugelogenen Geschichten über Kamelreiter am Lagerfeuer.
 
Aber natürlich hätte ich ein ganz wunderbares Rezept mit Zitronen, antworte ich Julia säuselnd, nämlich den herrlichen Lombardischen Zitronenbraten. Das sei ein uraltes Rezept aus der Renaissance-Küche, vom berühmten Kochgenie Bartoleomeo Scappi, der für sechs Päpste gekocht hat. Eigentlich sogar für sieben, aber Papst Marcellus II. starb schon nach 22 Tagen Amtszeit, ohne bei ihm ein Zigeunerschnitzel bestellt zu haben. Und gerne würde ich ihnen diesen berühmten Braten mit ihrer Zitrone zubereiten. Julia antwortet: Gerne, sie sei gespannt!
 
So, und dann muß ich also liefern. Natürlich gibt es keinen Lombardischen Zitronenbraten. Ich werde ihn erfinden müssen. Im Internet wird man ja bei der Kochrecherche stets auf die Seite chefkoch.de geleitet. Auf die Seite mit den schlechtesten Essensfotografen der Welt. Bei der Hälfte der Braten befürchtet man, das Tier lebt noch, und die Zitronensaucen sehen aus wie Wandfarbe. Nein. Ich werde etwas selbst erfinden müssen. Ich entscheide mich für einen Schweinebraten. Im Backofen in einem Topf mit Gemüse geschmort. Knoblauch muß natürlich sein, und die Zitronenscheiben werden daraufgelegt. Die geriebene Schale in die Brühe und daraus am Ende eine Soße andicken. Zwischendurch bekomme ich dann etwas Bedenken, es könnte total schiefgehen. Julia und die Kinder züchten zwei Jahre EINE EINZIGE Zitrone, und ich mache daraus ein Matschessen? Die kleine Klara (5), Mäxchen (13), Cornelius (fast 11) sitzen weinend vor ihren Tellern, sie mögen das nicht, sie möchten lieber Nudeln mit Ketchup? Nein, das darf nicht sein! Es muß gut werden. Ich recherchiere weiter. Strategisch entscheidend ist die Flüssigkeit im Schmortopf. Etwas Weißwein oder Apfelsaft in die Brühe, um den Zitronen zu helfen. Ja, gute Idee. Rosmarin? Vielleicht.

 

Und dann ist der große Tag gekommen. Wir lutschen Zitronenbonbons, die Kinder schneiden Zwiebeln und heulen, und ich würze den Braten mit meiner gewürztechnischen Geheimwaffe.
 
 „Sag mal, hatte dieser Bartolemeo Scappi vor vierhundert Jahren auch schon Brathähnchen-Gewürzsalz?“
„Gewiß. Brathähnchen-Gewürzsalz gibt es seit der Bronzezeit.“

 
Der Lombardische Zitronenbraten ist eines dieser schönen Rezepte, bei denen man erst eine halbe Stunde Arbeit und Streß hat, aber dann muß der Ofen lange seine Arbeit tun, und das macht er dann auch. Und dann wird es tatsächlich lecker. Wirklich. Selbst das Klärchen will noch einmal Nachschlag. Anschließend gibt es eine tolle Zitronen-Mousse, die das Mäxchen gemacht hat. Ein chilenisches Rezept, berichten sie, mit Dosenmilch. Chilenen seien nämlich absolut versessen auf Dosenmilch, und die gesamte chilenische Küche würde auf Dosenmilch beruhen. Oh, das wußte ich ich noch gar nicht. Auf der Rückfahrt fällt mir aber ein: da haben sie mich wilmenrod-mäßig verkohlt! Dosenmilchsaufende Chilenen, das gibt’s doch gar nicht.
 


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Und vor der feierlichen Ernte der Zitrone (Cornelius schnitt sie mit einer Schere vom Baum, Klärchen hielt ein Tablett darunter) hatte Mäxchen eine Rede über Zitronen geschrieben und gehalten. Sie schlug einen weiten Bogen vom Gestaltzerfall beim Zitrone-Sagen über Zitroneneisessen bis hin zu Zitronenträumen, und dann schloß sie mit den Worten:
 
 
„Aber am Ende bedeutet alles für uns etwas anderes, und so ist das auch bei der Zitrone.“
 
 
Ja, da hat das Mädchen verdammt recht.

 
 

 
 
 
 
 
 
 

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