Freitag, 15. Juli 2016

S39 – Schreiben, Schrift (Teil 2)



Schrift. Das ist natürlich sehr schön. Die obere Hälfte ist übrigens nicht die Schreibschrift, welche die meisten Leser gelernt haben. Hier handelt es sich nämlich um die Deutsche Normalschrift, die 1941 die Sütterlinschrift (ab 1924 Lernschrift) ablöste. Gleichzeitig wurde die Frakturschrift abgeschafft. Martin Bormann begründete dies in einem Rundschreiben (der Parteiname ist im Kopf des Dokuments in Fraktur gesetzt!), weil Fraktur und Sütterlin „Judenlettern“ waren.



Die meisten von uns haben mit der lateinischen Ausgangsschrift gelernt, die im Jahr 1953 eingeführt wurde. Der offensichtlichste Unterschied zur Deutschen Normalschrift ist der Verzicht auf Kringeleien (z.B. B, R, V, W). 

Lateinische Ausgangsschrift (Quelle: Wikipedia)


Das war auch das letztemal, daß sich eine Ausgangsschrift bundesweit durchsetzte. Seit den Siebzigerjahren ist es ein großes föderales Durcheinander, da jedes Bundesland sein eigenes Schriftsüppchen kocht. Zur Auswahl stehen:



1) die Lateinische Ausgangsschrift

2) die Vereinfachte Ausgangsschrift

3) die Schulausgangsschrift

4) die Grundschrift

Die Vereinfachte Ausgangsschrift hält die Kinder für zu bescheuert zu kapieren, daß Buchstaben in verschiedenen Höhen anfangen. Deshalb fangen hier alle Buchstaben in der Mitte an:
 
Vereinfachte Ausgangsschrift (Quelle: Wikipedia)


Wenn man sich Schriftproben der Vereinfachten Ausgangsschrift ansieht, wird sie noch unsympathischer: irgendwie eine Streberschrift, permanent zeigt jeder Buchstabe auf, hin zur Mitte. In Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein ist es sogar die Pflichtschrift. Warum ausgerechnet dort? Keine Ahnung! Jedenfalls können sich die Kinder aus Magdeburg und Kiel gegenseitig Briefchen mit Streberhandschrift schreiben.

Die Schulausgangsschrift wiederum ist ein Fabrikat der DDR. Die Variante von 1953 ist nahezu identisch mit der Lateinischen Ausgangsschrift, die neuere Version von 1968 ist ein guter Kompromiß, klar und geglättet:
 
Schulausgangsschrift (DDR 1968, Quelle: Wikipedia)


Das ist die Schrift, die in Berlin verpflichtend gelehrt wird, und zwar auch in West-Berlin. Ich habe das auch ausprobiert. Zwei sehr kluge Berliner Schulkinder, Cornelius und Maxine, haben Testwörter geschrieben. Cornelius ist neun Jahre alt und Maxine ist „fast zwölf“. Ich habe sie „Straße“ und „Prokrastinationsstreßkonvaleszenz“ schreiben lassen, denn es ging mir vor allem um das t und ß. Und tatsächlich – beide schreiben ein t mit Kringel (nicht wie ich damals mit Strich) und das ß zuerst mit einem geraden Aufstrich. Das ist übrigens eine schöne Reminiszenz an das Binnen-s des Sütterlin, kombiniert mit dem kleinen z – ja, genau s-z, so einfach ist das.




Sehr schlimm ist die "Grundschrift". Hier wird auf Ligaturen verzichtet – es ist eine Druckbuchstabenschrift. Auch hier beruht die pädagogische Grundüberlegung auf der Annahme, alle Kinder seien dämlich. Und ihnen keinesfalls zuzumuten, zwei Schriftsysteme parallel zu erlernen. Was für ein Graus!

 
Grundschrift



Glücklicherweise setzt der Föderalismus hier Grenzen der Durchsetzung. Ich habe einmal durchgezählt: in 16 Bundesländern gibt es 12 verschiedene Vorgaben, was Wahl- oder Pflichtschrift ist. 



Die oben im Brockhaus abgebildete altdeutsche Schrift ist kein Sütterlin, sondern Kurrentschrift. Sie unterscheiden sich hauptsächlich dadurch, daß beim Sütterlin die Oberlänge, Mitte und Unterlänge nahezu gleich hoch sind, was der Schrift etwas Kindliches gibt. Die Kurrentschrift ist deutlich schräger, und viel feiner angelegt.



Die Kurrentschrift hat mir meine Tante Hete beigebracht, als ich ungefähr vierzehn war. Ich fand das einfach cool, fast so wie eine Geheimschrift. Die heikle Lesbarkeit des Kurrent beruht darauf, daß e, m, n und r praktisch gleich aussehen. Das sind nach Buchstabenhäufigkeit im Deutschen ca. ein Drittel aller Buchstaben. Ich denke, es wäre viel leichter lesbar, wenn das e einen Kringel hätte und nicht aussähe wie ein gestauchtes n. Ich schreibe es bis heute ganz gerne. Es hat ein sehr ruhiges, erhabenes Schriftbild. Außerdem sind manche Großbuchstaben (M, W) schiere Schlaufen-Großereignisse. Mit einem Kugelschreiber oder einem Inky-Stift läßt sich allerdings Kurrent gar nicht schreiben. Es ist eine Schrift für feine Federhalter.



Eine besondere Komplikation auch für die Lesbarkeit der Kurrent-/Sütterlinschriften besteht auch darin, daß es zwei verschiedene s gibt. Das Binnen-s ist einfach nur ein Aufstrich mit einfacher Unterlänge. Steht das s hingegen am Ende, ist es eine Schlaufe mit Ausschwung (es ist das zehnte Zeichen in der letzten Reihe). Übrigens kann ich es auch besser schreiben als lesen, weil mir schier die Übung fehlt.



So ist das also mit der Handschrift. Die Nazis haben die deutsche Handschrift abgeschafft, und die Berliner Kinder lernen nach der Handschrift der DDR. Das ist doch irgendwie verblüffend, oder?







1 Kommentar:

  1. Ich komme aus Sachsen und auch hier wird ganz verbindlich als Schreibschrift in der 1. oder 2. Klasse nur die DDR Schrift von 1968 gelehrt, nachdem Kinder die Druckschrift in der 1. Klasse drch haben. Ungefähr in der 6-8 Klsse entwickelt sich dann bei den meisten Kindern eine Mischung aus Schreibschrift und Druckschrift mit ganz individuellen Zügen - jedenfall war das bei mir an der Schule so - ich bin zwischen auch schon 20.
    Ich weiß, dass hier ist eher wie eine Kolumne aufgebaut, also ein Meinungsartikel, jedoch finde ich es wenig hilfreich für Interessierte, voreingenommene Formulierungen wie "Streberschrift" zu lesen - besonders weil das Schriftbild nichts über Leistungen von Schülern aussagen muss und daher der Vergleich von Leistung zu Schriftbild oder Alphabet nicht wirklich gegeben ist.
    Trotzdem finde ich im Großen und Ganzen war das für Interessierte lesenswert.
    PS: Ich hab den Artikel gefunden, als ich nach "Deutscher Kurrentschrift" gesucht habe, weil ich noch ein bisschen damit hadere, wie manche Buchstaben zusammen geschrieben werden.

    LG

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