Freitag, 18. November 2016

S80 - Strand



Strand. Das oben ist dann eher Nordsee, während es unten eher nach Ostsee aussieht, und zwar nach dem Kurhaus in Binz. Ich war schon einmal dort, aber es ist ein Riesenproblem, daß die Ostsee so ein schlaffes Meer ist. Die Ostsee ist der Chris Rea, der Adalbert Stifter, der Carl Spitzweg der Ozeane. Es ist ja noch nicht einmal richtig salzig. Da ist die Nordsee schon ein ganz anderer Schnack. Ich war ja erst auch kürzlich dort:








Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen bezieht sich auch auf den Strand: ich baue eine Sandburg und mein Vetter Reinhard zeigt seinem Vater Onkel Werner einen roten Eimer mit einem Krebs darin. Der Zeitpunkt für diesen Urlaub ließ sich im Nachhinein gut bestimmen: es muß 1967 gewesen sein. Das würde allerdings bedeuten, daß ich erst zwei Jahre alt war. Das halte ich aber für unwahrscheinlich. Ich lese gerade nach, daß die infantile Amnesie die ersten zwei Lebensjahre dauert. Dann könnte es so gerade doch so hinkommen. Hm. Übrigens weiß man gar nicht so genau, warum sich sehr kleine Kinder nichts merken können. Man vermutet, das Gehirn sei noch nicht in der Lage für langfristige Speicherung.

Zurück zum Strand. Die oben dargestellte Buhne ist ein Damm zum Schutz vor Erosion. Die Nordsee knabbert nämlich sonst den ganzen Strand weg. An der Ostsee mit seinem kleinen Geplätscher braucht man natürlich keine Buhnen. Desweiteren sind Buhnen dafür da, damit die Möwen bei Ebbe ein bißchen abhängen können und dusselig in die Gegend gucken. Hier, ebenfalls vor ein paar Tagen:




Aber natürlich nur bei Ebbe. Apropos. Als ich da stundenlang am Strand entlangspazierte, nahm ich mir mal vor, mich etwas näher mit den Gezeiten zu beschäftigen. Jede siebte Welle ist etwas höher undsoweiter. Ich dachte mir auch, wenn ich dann mal mit einer Dame am Strand spazierengehe, kann ich ihr etwas über Ebbe und Flut erzählen. Es gibt da ein Standardwerk von einem gewissen Andreas Malcharek, das ich mir beschafft habe. Ich kopiere euch mal eine typische Seite aus „Gezeiten und Wellen“:




 Alles klar? Ich bin mit dem Buch heillos überfordert. ABER! Wenn ihr genau hinschaut, seht ihr nicht sin und cos, sondern sinh und cosh. Das sind hyperbolische Winkelfunktionen. Und von ihnen spannt sich ein Bogen zu einem ganz anderen Thema, über das wir schon ausführlich gesprochen haben: Rechenschieber (in der Kartei Nr. 102). Die großen Standardmodelle der drei wichtigen Hersteller habe ich schon; aber es gibt auch Rechenschieber mit hyperbolischen Skalen. Sie sind sehr viel seltener, weil die hyperbolischen Funktionen eher von Wellenausrechnern und Brückenbauingenieuren benötigt werden. Das wissen leider auch die Sammler. So jage ich schon seit Monaten einem Aristo 972 hinterher. Ich habe mir sogar ein Sniper-Tool (die heißen wirklich so) angeschafft, um in letzter Sekunde mein Gebot rauszujagen. Nützt aber nicht viel, weil die anderen auch Sniper sind. Und die Gebote gehen immer weit über 100 Euro. Vor einer Woche war ein superseltener Faber-Castell Mathema in einer Auktion. Der Verkäufer wußte gar nicht, was er da in den Fingern hatte („vielleicht evtl. ein Sammlerstück?"). 10 Sekunden vor Auktionsende war er bei 150 €, da hat er wahrscheinlich schon den Schampus aufgemacht. Und dann kamen die Sniper. Verkaufspreis: 374,89 €. Krass. Jetzt habe ich allerdings billig ein Konvolut erstanden, in dem eventuell ein hyperbolischer Rechenschieber enthalten ist, es war leider nicht genau zu erkennen. Drückt mir die Daumen.

Zurück zum Strand. Das alles nützt mir bei Strandspaziergängen mit Frauen natürlich nicht die Bohne. Ich meine, kinetische Energie (s.oben) ist schon, aber hyperbolische Funktionen? Interessant auch in der obigen Illustration die „Badezellen“. Es ist ja eine Entwicklung der letzten 50 Jahre, daß zumindest bei Freibädern Umkleidekabinen nicht mehr benötigt werden. Schaut euch mal das renovierte Wannseebad an. Kilometerlang Umkleidekabinen. Heutzutage ist es zulässig, auch mal 5 Sekunden nackig zu sein, wenn man sich umzieht. Die Geschichte der Kurzzeitnacktheit muß sowieso mal geschrieben werden. Auf Männertoiletten am Pinkelbecken gibt es ja auch Männerpimmel zu sehen.

Zurück zum Strand. Etwas gerätselt habe ich, was denn da die „Strandburg“ soll. Strandburg, nicht Sandburg (ungefähr in der Mitte der Illustration). Ich habe dann mal die Ausgabe von 1944 zu Rate gezogen. Das ist ganz interessant: es ist ein völlig andere Illustration, aber offenbar hat der Neu-Zeichner fast alle Elemente übernommen, wenn auch auf zwei Zeichnungen verteilt. So ganz perfekt ist sie tatsächlich nicht, weil man kaum den Unterschied zwischen Meer und Strand sieht. Dort findet sich aber auch die Strandburg. Als Kind habe ich auch Strandburgen gebaut, natürlich viel kleiner, und in unmittelbarer Nähe zur Wasserlinie. Das war dann toll, wenn die Flut kam und mein Bauwerk langsam verschlungen hat, obwohl ich ständig die Außenmauern verstärkt habe. Ist halt alles Sand, und Ahnung von hyperbolischen Funktionen hatte ich auch nicht. Interessanterweise tauchen auch noch „Fremdenheime“ in der Illustration auf, in der Ausgabe von 1952 sind es jetzt „Pensionen“. Das Wort „Fremdenheim“ ist wirklich komplett aus dem Sprachschatz verschwunden. Eigentlich schade, es ist doch ganz schön. Fremd sein, aber trotzdem ein Heim haben, Heimat der Heimatlosen. Aber vermutlich klang es den Fremdenheimbesitzern zu unfreundlich.
           



Und natürlich ist es so, daß jede siebte Welle höher ist. Das könnt mir glauben. Oder fahrt zur Nordsee und guckt es euch selber an!

Nachtrag: und ich habe jetzt endlich einen hyperbolischen Rechenschieber, schaut mal her:


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