Freitag, 4. November 2016

S62 - Sprechmaschinen



Sprechmaschinen. Der Brockhaus legt die Plattenspieler unter „Sprechmaschinen“ ab. In der späteren Ausgabe von 1974 sind die Illustrationen zu „Plattenspieler“ umsortiert. Diese Einsortierung war aber auch schon 1952 anachronistisch. Schließlich ist man schon ziemlich schnell darauf gekommen, das Grammophon nicht nur für Sprechen zu nutzen, sondern auch für Musik. Thomas Manns Tagebücher sind voll davon, wie er sich abends eine Wagneroper auf Schallplatte reinzieht. Mein erster Plattenspieler sah auch so ähnlich aus, mit Koffer, allerdings natürlich schon elektrifiziert, ein alter grüner Elac-Plattenspieler, auf dem ich Schlager, James Last und Winnetou abspielte. Die James-Last-LPs habe ich immer auf 45 abgespielt, weil ich sie dann schmissiger fand. Nicht auf 78, da klang es dann nach Mickymaus. 45 ging aber gut (für jüngere Leser: es handelt sich hier um die Abspielgeschwindigkeiten von Vinylschallplatten. 33 1/3 U/min war LP, 45 U/min Single und 78 U/min uralter Schellack. Ursprünglich waren 33 1/3 und 45 Konkurrenzformate (Columbia/RCA Victor). Die letzte Elvis-Singler auf 78 kam 1958 heraus. Interessanterweise gibt es tatsächlich einige Beatles-Platten für Indien, die noch auf 78 liefen.)



Man hat übrigens die erste Tonaufnahme der Welt wiedergefunden: sie stammt nicht von Edison, sondern von dem Franzosen Edouard-Léon Scott de Martinville. Es handelt sich um das Kinderlied Au Clair de Lune aus dem Jahr 1857. Das finde ich immerhin tröstlich, daß die erste Tonaufnahme ein Kinderlied ist.



Das abgebildete Tonband ist ein „Magnetophon“, was ursprünglich eine deutsche militärische Erfindung war und von alliierten Soldaten in ihre Heimatländer gebracht wurde. Der leider verstorbene Friedrich Kittler hat ja nachgewiesen, daß ohne die rasante technologische Entwicklung im Zweiten Weltkrieg es mit der Popmusik noch deutlich länger gedauert hätte. Magnetbänder, Stereo (zur Unterwasserortung) sowie die gesamte Verstärkertechnik sind mehr oder weniger aus militärische Weltkriegsentwicklungen, ganz zu schweigen von den vielen Ex-Heeresfunkern, die anschließend bei den Radiosendern Unterschlupf fanden und dort Musik in den Äther schickten. Bringen wir es auf den Punkt: Popmusik ist ein Kollateralnutzen des Zweiten Weltkriegs („Mißbrauch von Heeresgerät“, wie Kittler seinen schönen Aufsatz dazu benannt hat).



Sprechmaschinen. Da fällt mir noch etwas anderes ein: das Logo der alten englischen Plattenfirma Parlophone, übersetzt: Sprechlaut. Es sieht eigentlich aus wie ein englisches Pfundzeichen. Allerdings: es sind zwei Querstriche beim L und nicht einer wie beim Pfundzeichen. Aber warum? Es ist tatsächlich ein L, und es ist eine Abkürzung, und es ist ein seltsame Zufall, wie sich hier zwei große Geschichten des letzten Jahrhunderts kreuzen.




 
Das Parlophone Label (Quelle: Wikipedia)



Parlophone gehörte einmal zur britische Columbia, die sich 1931 mit der Gramophone Company (das war das Label mit dem Hund vor dem Lautsprecher) zur EMI zusammentat und im selben Jahr in der Abbey Road ein Studio aufbaute, in dem sich noch einiges zutragen sollte. Einige Jahre zuvor, 1925, hatte Columbia die Parlophone zusammen mit Odeon übernommen. In den ersten dreißig Jahren nahm Parlophone, wie der Name ja schon sagt, hauptsächlich Hörbücher auf. Bis Anfang der Sechziger Jahre ein gewisser George Martin eine Band aus Liverpool unter Vertrag nahm. Der Rest ist Geschichte. In Deutschland wurden die Beatlesplatten wiederum unter dem Odeon-Label veröffentlicht, da Parlophone zunächst dem englischen Heimatmarkt vorbehalten war. Daneben veröffentlichten auch Divine Comedy, Hollies, Blur, Pet Shop Boys, Coldplay, Queen und sogar Radiohead nach den Beatles auf Parlophone. Diese hatten dann 1968 ihr eigenes Label Apple gegründet und teilten Jahre später einem komischen Computermenschen mit, er könne den Namen Apple für seine drolligen Computer benutzen. Nur von Musik möge er die Finger lassen.



Aber zurück zum doppelgestrichenen L. Hierzu müssen wir zum Vorbesitzer der Parlophone in den Jahren bis 1925 zurück: es ist tatsächlich ein deutsches Unternehmen, mit Firmensitz in Berlin, und es ist die Lindström AG. Und das Logo der Lindström AG – das war dieses ominöse L mit den zwei Querstrichen. Das Unternehmen saß an verschiedenen Standorten in Friedrichshain und Kreuzberg (Schlesische Straße), hatte bis zu 3.000 Mitarbeitern und war nicht nur als Plattenfirma (u.a. die Comedian Harmonists), sondern vor allem als Hersteller von Grammophonen, Diktiergeräten und eben Sprechmaschinen bekannt und ging, soweit ich herausfinden konnte, im Jahr 1953 zugrunde.

Und an diesem Punkt schneidet sich die Geschichte mit einer anderen, sehr bekannten Geschichte. Denn die berühmteste Angestellte der Lindström AG war Fräulein Felice Bauer, die Verlobte Franz Kafkas, und sie saß in der Abteilung für Sprechmaschinen, den sogenannten Parlographen, den Vorgängern des Diktiergerätes. Parlophone und Parlograph waren Markennamen derselben Firma. Herr Kafka schrieb übrigens eine Liebes- und Liebesverzichtbriefe fast immer an Felices Büroadresse bei Lindström, und möglicherweise hat sich diese Struktur, von Love Me Do bis Let It Be, durch verquere karmische Übertragungen in die Zukunft der Parlophone gebrannt (oder auch wahlweise Paranoid Android oder Love Of My Life und so weiter).Übrigens regte Kafka einmal in einem Brief an, den Parlographen technisch mit dem Telefon zu koppeln, falls der Angerufene mal nicht zu Hause. Es war also Franz Kafka, der den Anfrufbeantworter erfand. Sprechmaschinen.

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