Freitag, 27. Mai 2016

S10 - Schach






Schach. Ich habe Schach immer gern gemocht. Allerdings gibt es ein großes Problem: ich bin zu doof dafür. Ich wäre wenigstens gerne ein leidlicher Spieler, so irgendwo am untersten Ende der Mittelklasse. Das schaffe ich allerdings nicht. Ich bin schlecht. Der Hauptfehler besteht darin, daß ich ich annehme, nur ich hätte einen Plan und der andere würde einfach nur mal so in der Gegend herumziehen. Das ergibt regelmäßig sehr unangenehme Überraschungen. Mein zweiter Fehler besteht darin, viel zu schnell viel zu offensiv zu sein. Zwei Figuren und einen Bauer halte ich schon für eine Streitmacht napoleonischen Ausmaßes. Allerdings geht es mir dann auch wie Napoleon in Rußland. Vor einiger Zeit hat Marek mit mir gespielt. Er hatte sogar eine Schachuhr mitgebracht, weil er sich öfter einmal ärgerte, wie lahmarschig seine Gegner spielten. Ich fand die Uhr sehr hübsch, aus Holz. Besonders fasziniert mich das Fallblättchen, das ist eine kleine Fahne, die vom Minutenzeiger angehoben wird, bis sie dann herunterfällt die Zeit abgelaufen ist. Zeitprobleme habe ich aber nie. Wenn ich irgendetwas entdecke, was irgendwie gezogen werden könnte, dann mache ich das einfach. Einen Plan B halte ich für überflüssig, und erst recht, über mögliche Erwiderungen des Gegners nachzudenken. Das spart ungeheuer Zeit! Fein finde ich auch das Groß-Schach in Parks u.ä. Da hat man ja richtig etwas herumzulaufen. Es ist allerdings frappierend unübersichtlicher als normales Tischschach. Ich habe es gelegentlich gegen Erica gespielt und es immer verloren. Die Partien liefen eigentlich immer gleich ab, nämlich wie der Zweite Weltkrieg: ein schneller Angriff auf Polen und Bauern, und dann mache ich einen Barbarossa-artigen Angriff mit Läufern und Pferden, stecke schließlich fest und laufe in einen D-Day-artigen Konter. – Der berühmteste Weltmeisterkampf war Spasski gegen Fischer, 1972 in Reykjavik. Zum Beispiel das Eröffnungsritual bei JEDER Partie mit Spasski mit Weiß: der höfliche Spasski erschien kurz vor 17h, verbeugt sich, begrüßt den Schiedsrichter und nimmt Platz. Fischer ist nicht da. Genau um 17h startet der Schiedsrichter die Uhr. Spasski blickt kurz aufs Brett, spielt e2-e4, schaut noch mal aufs Brett, steht auf und verläßt den Raum. Das Brett mit e2-e4 bleibt einige Minuten mit sich allein. Fischers Uhr tickt. Dann betritt Bobby Fischer den Raum. Er setzt sich in seinen luxuriösen Sessel aus Leder, schaut kurz auf das Brett und zieht c7-c5. Dann erscheint Spasski wieder, sie geben sich die Hand, und es geht weiter. Eines der Bücher über diese Partie heißt „Wie Bobby Fischer den Kalten Krieg gewann“. Ja, Schach ist schon Krieg, das ist schon vielen aufgefallen. Ich war letztes Jahr nach langer Zeit wieder einmal im Schelling-Salon in München. Zumindest in den letzten 25 Jahren hat sich dort überhaupt nichts geändert, ich fürchte, seit den Dreißigern ebenfalls nicht, als Hitler dort zunächst Stammgast war, aber dann Hausverbot bekam, weil er seinen Deckel nicht bezahlt hat. Wenn ihr mal da seid, müßt ihr aufs Klo gehen. Die Stufen nach unten sind mehrere Zentimeter tief ausgetreten, durch Millionen von Gästen wie Hitler und seine Kumpel, die dort Pipi mußten. Im Schelling-Salon  ist jedenfalls an der Gaststättendecke die Schlußstellung der Unsterblichen Partie, Anderssen-Kieseritzky 1851, auf ein riesiges Schachbrett montiert. Ein gigantisches Donnerwetter: Anderssen opfert einen Läufer, zwei Türme und die Dame und setzt dennoch Matt. Man kann sich richtig vorstellen, wie der spätere Führer da gesessen hat, eine vegane Weißwurst mampfte und versonnen zur Decke starrte – einen Läufer werde ich opfern, zwei Türme, die Dame, aber Deutschland wird siegen, wird siegen so wie Anderssen. Der hieß übrigens mit Vornamen – Adolf. Manchmal ist es aber auch wirklich fatal.

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