Freitag, 6. März 2015

L15 L16 – Lichtbild und Lichtbild-Geräte



So eine Klappkamera habe ich auch noch, leider nicht mehr funktionstüchtig. Sie hatte auch den Compurverschluß, den man am Objektiv noch einmal separat spannen muß. Außerdem kann ich mir gar nicht vorstellen, dafür noch Filme zu bekommen. Die Fotografie ist ja einer dieser Komplexe, die durch die Digitalisierung wohl am meisten umgestülpt wurde. Deshalb sind hier alle Gegenstände museal. Ich vergleiche es mal mit einem anderen technisch-ökonomischen System, der Musik: Hier wie dort ist die Hardware handlicher, mobiler, speicherfähiger und billiger geworden. Der wichtige Unterschied ist aber, daß wir bei der Musik nur als Konsumenten (und Kopierer) auftreten. Fotos machen wir selbst. Und vor allem viel mehr. In der vordigitalen Zeit gab es Jahre, in denen ich kein einziges Foto gemacht habe. Ich habe meinen Fotoordner gerade durchgezählt: pro Jahr mache ich deutlich mehr als 1.000 Fotos.









Angeblich hat die Menschheit bislang 3,5 Billionen Fotos aufgenommen. Zu Brockhaus-Zeiten wurden ungefähr 3 Milliarden Fotos pro Jahr aufgenommen. Heute sind es deutlich mehr als 400 Milliarden pro Jahr. Das bedeutet auch, dass ungefähr 10% aller jemals aufgenommen Fotos aus den letzten 12 Monaten stammen. Wahrscheinlich sind es überwiegend Selfies. Auch komisch: der Begriff Selfie hat erst seit ca. 2012 Karriere gemacht. Aber ein Selfie konnte man auch schon 1970 mit einer Kodak Instamatic machen. Hat man aber nicht.



Etwas anderes: es ist ein uns näheres Zeitalter, wenn es schon Fotos aus jener Zeit gibt, also vor allem seit der vorletzten Jahrhundertwende. Alles, was davor liegt, ist optisches Paläozoikum. Deshalb oft auch irritierend, wenn man Aufnahmen aus der Frühzeit der Fotografie betrachtet, etwa aus dem amerikanischen Bürgerkrieg. Es existiert auch ein Foto von Mozarts Witwe – und das ist seltsam anzuschauen, denn Mozart ist eindeutig aus der Vor-Foto-Zeit, aus der Zeit von Zeichnung, Gemälde und Lithografie. Deshalb scheint Constanze Mozart auf diesem Foto wie eine Zeitreisende, sehr merkwürdig.



Und noch etwas anderes: früher war das Foto, abgesehen von den immer etwas komischen Dia-Fotografen, immer zuerst als Papierexemplar vorhanden. Nicht zufällig bedeutet das Wort Foto sowohl die eigentliche Aufnahme als auch die physische Reproduktion. Nun ist Papier nicht nur geduldig, sondern auch äußerst langlebig. Und so findet Elinor Richter jeden Sonntag für ihr wundervolles Projekt „Found“ alte Schwarzweißfotografien in einer Flohmarktkiste, die durch welche Fügung auch immer Jahrzehnte überdauert haben, die sie anschließend digitalisiert und ins Flickr stellt.





 

Dornröschenfoto, jahrzehntelang schlafend, jetzt wieder digital erweckt.
Quelle: Elinor Richter, Found


Ich kann mir gar nicht vorstellen, daß heutiges privates Digitales so langlebig ist. Ich habe mal in meinem Fotoordner nachgeschaut; es sind ca. 7.500 Fotos (weit mehr als ich dachte). Sie sind ein paar Mal von Festplatte zu Festplatte zu USB umgezogen. Aber wird dieser Stick irgendwann einmal in einer Flohmarkkiste liegen? Das ist wohl eher unwahrscheinlich. Es ist eher zu vermuten, daß es in 20 Jahren extrem schwierig ist, überhaupt noch einen USB-Stick auszulesen. Ich glaube, ich hab auch noch einige gescannte Fotos auf 3,5“-Disketten. Tja. Mittlerweile habe ich aber schon mal Abzüge gemacht von ein paar schönen Fotos: meine Mutter am Herd beim Rouladenkochen, das Kriegerdenkmal im Herbstlicht, Umarmung auf dem See, das Theater in voller Opernbeleuchtung. Wie könnte man das nennen? Re-Analogisierung oder Re-Physikalisierung? Ich bewahre die Aufnahmen achtlos in Fototaschen gesteckt im Bücherregal auf, weil ich hoffe, so genau den richtigen Abflugwinkel zu treffen, den das Schicksal von Gegenständen für den Flug in Flohmarktkisten vorgesehen hat. Im Jahr 2070 werden sie dann von Elinors Enkelinnen in einer solchen Kiste gefunden. Aber gut möglich, daß Flohmarkt dann schon eine App ist.



Vor einiger Zeit habe ich mich  mal auf Foto-Blogs umgesehen (die übrigens zu 90% von jungen Frauen mit teilweise viel Talent und Mühe gepflegt werden. Junge Männer daddeln offenbar lieber auf der Playstation oder bohren in der Nase. Bücher lesen ja auch nur noch Frauen. In 20 Jahren sind die Männer komplett abgehängt. Aber ok so.) Auf diesen Foto-Blogs ist jedenfalls plötzlich analoge Fotografie der neueste heiße Scheiß. Die jungen Damen sind vor allem begeistert, daß man auf das Ergebnis so lange warten muß. „Film entwickeln“ – weird! Bemerkenswertersweise sehen die Ergebnisse meist tatsächlich eher nach 1975 als nach 2015 aus, als würde die Kamera lieber die Zeit ihrer Herstellung fotografieren. Man muß sich das noch einmal vorbuchstabieren: Mädchen, die um die Jahrtausendwende geboren sind, fotografieren mit 50 Jahre alter Ausrüstung die Gegenwart, lassen sie analog entwickeln und Abzüge auf Papier produzieren. Anschließend digitalisieren sie das Ergebnis und reproduzieren es im Internet, und es sieht aus wie die Vorvergangenheit ihrer Urheberinnen. Puh. Der Inhalt eines Mediums ist ein anderes Medium, äh.



Ja, und dann müßt ihr auch „den Film vollknipsen“. Wie damals eure Mama, nach dem Italien-Urlaub. Und natürlich die Frage, „ob die Fotos was geworden sind.“ Und in 40 Jahren, da werdet ihr in Flohmarktkisten nach meinen Fotos kramen.








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