Freitag, 6. Februar 2015

K29 - Kleidung - Großes Extraposting zur Halbzeit



So, liebe Leute, wir sind halb durch. 400 von 800 Seiten. Für diese Gelegenheit habe ich mir ein besonderes Lemma aufgehoben - die Kleidung. - Ich hoffe, Ihr lest weiter gerne hier, auch in der zweiten Hälfte.
 
Kleidung. Ich hatte ja schon erzählt, mir die Brockhäuser von 1944 und 1974 beschafft zu haben. Kleidung ist hier ein Lemma, bei dem völlig neue Illustrationen erstellt wurden. Allerdings fürchte ich, daß der Brockhaus prinzipiell zu langsam war für die Illustration aktueller Mode. Die 1974er Männer haben alle Hosen im Karottenstil, unten schmal zulaufend. Da ist der Brockhaus aber schon wieder altmodisch, weil 1974 die Schlaghose ihre Weltherrschaft schon angetreten hatte. Die Illustrationen sind alle großartig. Man weiß gar nicht, wo man hingucken soll!

Ich fand Modegeschichte immer sehr interessant. Es gibt wohl kaum einen Bereich, in dem Kontingenz und Notwendigkeit so intensiv ineinander verschränkt sind. Seltsam ist ja, daß man in der Gegenwart die Mode für ganz natürlich, zwangläufig und anders gar nicht möglich sieht, und die komischen Moden immer Moden der Vergangenheit sind. Derzeit sind die Hosenbeine wieder sehr schmal. Das kommt uns so vor, als sei das ein Naturgesetz und gar nicht anders möglich. In einigen Jahren werden wir schreien: Iiih, was für Hosenbeine, das ist ja voll Zehner!

Aber zurück zu den Illustrationen. Seltsam der Regenumhang für die Dame von 1944 (3. Reihe links). Das habe ich vorher noch nie gesehen. Eine Agraffe (2. Reihe, 4. Von links) ist ein Haken zum Verschließen. Der Strandanzug von 1944 hat noch eine Marlene-Dietrich-artige Grandezza. Und der Hosenrock darüber, den finde ich ganz schick. Wann kommt das mal wieder in Mode?

Und dann die Männer. Da 1944 der Militärangehörige mit Breeches auf (zweite Reihe). Einen Gehrock gibt es nur in der Version von 1944. Das Kavaliertuch heißt 1952 auch noch Kavaliertuch, danach Ziertuch. Ich habe nicht herausbekommen können, warum es überhaupt Kavaliertuch hieß. Eventuell, weil man damit der Dame etwas Rotze aus dem Gesicht wischen könnte, als echter Kavalier? Und Wahnsinn, es hat Sockenhalter gegeben, selbst noch in der Ausgabe von 1974. Heute gibt’s Socken im Abo. Und Stopfen tut ja wohl niemand mehr, wenn sie beschädigt sind. Socken to go. Ich habe eine Tüte mit Waisensocken. Immer nach der großen Sockenwäsche bleiben 5-6 Unikate übrig, die ich dann mit der Waisensockentüte abgleiche. In der Regel gibt es dann 2-3 Treffer, die sich dann weinend vor Wiedersehensfreude in die Arme fallen (Hm. Bei Socken ist die Formulierung „sich weinend in die Arme fallen“ ein leicht schiefes Bild). Die Nichttreffer kommen dann wieder ihrerseits in die Waisensockentüte. Ich glaube, es ist ok, auch gegenüber seinen Socken ein gewisses Drohpotenzial aufzubauen. Entweder ihr pariert und riecht gut, oder ihr kommt ins Heim.

Und die Bademode. Männer haben zweiteilige Badeanzüge, auch in der Version von 1952. In der Ausgabe von 1974 ist die männliche Badekleidung leider weggelassen. Badeoberteile gibt es für Männer jedenfalls nicht mehr. Wir hatten das kürzlich mal, bei der Badekappe (K9): auch sie ist verloren gegangen. Möglicherweise ist es auch eine perspektivische Täuschung, da man im Brockhaus immer so viele Gegenstände, die ganze Kultur, nebeneinander wie in einem gigantischen KaDeWe sieht, aber es scheint mir fast, die Welt ist viel einfacher geworden. Ich fahre öfter zur Krummen Lanke zum Schwimmen. Da badet jeder umstandslos nackt, angezogen, mit Badehose, wie auch immer. Vor Jahren hätte es noch eine FKK-Zone geben müssen. Jetzt ist das alles völlig egal. Den Bikini gibt’s auch erst im Brockhaus von 1974. Es wechseln sich ja in den letzten Jahrzehnten immer Bikinizeitalter und Badeanzugsepochen miteinander ab. Ich glaube, 2015 wird das letzte Jahr eines Bikinizeitalters. Gut so. Ich bin eher ein Badeanzugaficionado.

Es tun sich aber auch Rätsel auf: was im Himmelswillen ist ein „Shorty“ (1974, Frauen, 2. Reihe, 3. von rechts). Und 1944, Männer, was macht man denn in einer „Überfallhose“ (1. Reihe mitte)? Wäre 1944 nicht eine "Rückzugshose" passender gewesen. 

Auch aussterbend: der Schlafanzug. Zumindest kann ich mich nicht mehr entsinnen, den letzten Schlafanzug besessen zu haben. In der Gegend, aus der ich stamme, sagt man dazu "Schlawwanzuch". Und das versteht ihr gewiß, daß ich nicht gerne einen Schlawwanzuch anziehen würde. 

Geradezu abenteuerlich ist die Karriere des "Cachenez" (1944 Männer, 2. Reihe von unten Mitte). Zunächst war es ein Tuch, das den oberen Teil des Kopfes bedeckte bis unter die Nase, mit Augenschlitzen. Dann ist es nach unten gewandert und bezeichnete ein Tuch, das die untere Gesichtshälfte bedeckt. Im Grunde sind die Pali-Tücher auch Cacheneze. Wikipedia behauptet, das Wort sei jetzt auf weiße Seidenschals übergesprungen, die zum Gesellschaftsanzug getragen werden. Ein Gesellschaftsanzug ist das Gegenteil von einem Schlawwanzuch.

Und warum gibt es eigentlich keinen Muff mehr? Ich finde das schick und vornehm (für Frauen). Ich lese gerade nach, man habe 1959 eine Befragung dazu durchgeführt. Nur 17% der  Frauen besaßen damals noch einen Muff, also gab es damals schon 83% Muffmuffel. Von heute brauchen wir gar nicht mal sprechen. Obwohl es bei amazon seitenlang Muffe gibt, sogar beheizbar. Wahrscheinlich gibt es sie auch mit iPhone-Fach. Frauen, kauft euch Muffen!

 
1944 - Männer

1944 - Frauen

 


1952 - Frauen

1952 - Männer
 
1974 - Männer

1974 - Frauen

Kommentare:

  1. Gratulation zur Halbzeit!

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  2. Waisensockentüte ist so 70er. Heute hat man die Einzelsockengarage.

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  3. hilarious! Welches Buch zerpflückst du im Anschluss? Es macht sehr viel Spaß deine Ausführungen zu lesen. Der Waisensockenbeutel hat mich zum Lachen gebracht. Meine Lösung für das Dilemma: verschiedenfarbige Socken tragen, rechts schwarz, links grau mit Streifen. Meine Füße haben sich noch nie beschwert.

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  4. Vielen Dank! Ja, richtig, deine Füße sind zufrieden, Gabi, und sie finden das wahrscheinlich sogar schick. Aber die anderen Leute! Sie tuscheln hinter deinem Rücken: „Schau mal, die Gabi hat wieder verschiedene Socken an!“ „Zieht die sich immer im Dunkeln an?“ „Warum hat die denn keine ordentliche Sockentüte?“ Mit unifarbenen Socken hättest du wahrscheinlich schon wahnsinnig Karriere gemacht. So aber sitzt du abends in deinem kleinen Zimmer, blickst nachdenklich an dir herunter und grübelst: Was ist an mir ist bloß falsch, daß ich nicht Präsidentin werde?

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