Freitag, 14. Februar 2014

H12 - Haus




Haus. So ein Haus hat mein Großvater Ende der Fünfziger gebaut, und ich bin darin aufgewachsen. In den Illustration sind einige Extravaganzen eingebaut, die unser Haus nicht hatte: ein Balkon, eine Garage im Keller, ein rundes Dachbodenfenster, und vor allem kein Speisenaufzug. Ein Speisenaufzug! Das waren Zeiten, in denen ich ein halb in den Rasen eingegrabenes Kutschenrad im Vorgarten mit Blumentöpfen für den Gipfel des Mondänen hielt. Aber ein Speisenaufzug, das wäre wirklich unvorstellbar gewesen. Meine Oma aus dem Erdgeschoß hätte dann Milchsuppe zu uns in den ersten Stock fahren können! Unser Haus war ein Zweifamilienhaus. Wir hatten dazu noch einen kleinen Anbau mit zwei Zimmern im Erdgeschoß und Zwischenstock; tatsächlich ursprünglich in diesen Siedlerhäusern als Schweinestall vorgesehen, war es im Erdgeschoß eine „Sommerküche“, wie meine Mutter mir später erzählte, ich glaube, daß ist so etwas wie eine Einkochküche. - Als ich sehr klein war, gab es auch noch die technische Ausstattung aus der Brockhauszeit. Benutzt wurde bei meiner Oma tatsächlich noch der Badeofen, den man mit Briketts stundenlang vorheizen mußte, bevor es warmes Wasser gab. Durch das Vorheizen wurde allerdings dann auch das Badezimmer schön warm. Meine Eltern hatten da schon den neuesten heißen Scheiß gekauft: einen Durchlauferhitzer. Nur noch selten benutzt, aber noch vorhanden war die Ausstattung der Waschküche: ein großer Bottich für Kochwäsche, der immer mit Brettern abgedeckt war, damit ich da nicht hineinfalle. Oder eine händisch zu bedienende Wäschemangel mit zwei Walzen. Dort unten im Keller war allerdings auch etwas sehr Unheimliches. Es war die dunkle Ecke. Die Dunkle Ecke lag unter dem Treppenhaus und war ein ungefähr fünf Meter langer Gang unverputzter Hohlblocksteine, der auch noch um die Ecke bog. Ich hatte wahnsinnig Angst vor der Dunklen Ecke, und wenn ich in den Keller gehen mußte, um ein Glas eingekochte Birnen zu holen, drückte ich mich rechts an der Treppenwand vorbei, um dem dunklen, unheimlichen Loch zu entgehen. Sehr toll hingegen war der Dachboden. Um da rauf zu kommen, mußte man mit einem Haken einen Verschluß in der Decke lösen, damit eine Klappleiter zum Vorschein kam, die man herunterlassen konnte. Ich durfte nur mit, wenn meine Mutter dabei war und Wäsche aufhing. Tatsächlich hieß er in unserer Familiensprache auch, wie im Brockhaus, der „Trockenboden“. Der Trockenboden war, wie damals so üblich, kaum ausgebaut, man sah buchstäblich auf die Rückseite der Dachpfannen. Zwei kleine Fenster warfen ein schummriges Licht auf lauter alte Sachen, der mit alten Bettüchern und Decken verhängt in den Ecken lag. Ein schiefer Kleiderschrank enthielt weiteres altes Zeug aus vordenklichen Zeiten vor meiner Geburt. Oder die uralte Truhe, in der die Krippenfiguren lagerten. Die Bettücher durfte ich nicht wegziehen. Im Kleiderschrank nur hinschauen. In der Truhe, die unter einem der winzigen Fenster stand, immerhin etwas herumkramen. Wir waren jetzt so hoch, daß ich über die Dächer hinweg zum alten Kriegerdenkmal sehen konnte. Meine Mutter mußte regelmäßig schimpfen, damit ich mich von diesem alten Kram losreißen konnte und wieder vorsichtig die wacklige Leiter hinunterstieg. - Vielleicht hätten Psychoanalytiker Spaß an meiner kindlichen metaphysischen Topologie: der Himmel befinde sich über mir, die Hölle hingegen lauert zwei Stockwerke unter mir. Der Himmel ist das Geheimnis, die Rätsel der Vergangenheit, die Hölle ist das Dunkle, das Grauen des Unbekannten. Wenn man ans Eingekochte will, muß man sich an der Hölle vorbeischleichen. Aus dem Himmel wird man von seiner Mutter vertrieben. – Was sich der Brockhausillustrator unter „Veranda“ vorstellt, ist auch eher merkwürdig. Wahrscheinlich hatte man das damals noch nie gesehen. Und die strikt verandenorientierten Vorabendserien Waltons und Daktari hat es damal ja noch nicht gegeben. - Sehr eigentümlich auch, wie man sich in der Illustration oben links bemühte, alles doppelt und dreifach hineinzupacken: sowohl einen „Prellstein“ als auch einen „Radabweiser“, ich finde, das ist doch das gleiche. Desweiteren gibt es sowohl einen „Gurtgesims“ (auf Höhe des Stockwerkes) als auch ein „Sohlbankgesims“ (auf der Höhe der Fensterbank). Wovon ich aber bis heute noch nie gehört hatte, ist das „Kratzeisen“ (rechts neben der „Freitreppe“). Ein Kratzeisen wurde am Hauseingang bereitgestellt, um sich Dreck und Kacke aus den Schuhen zu kratzen, bevor man das Haus betrat. Dafür hatten wir allerdings damals schon ein Fußmatte. Ich bin immer wieder erstaunt, wie kompliziert das alte Leben in der Brockhauszeit war. Sie hatten Kratzeisen, Haspen (H9), Wasserflughäfen (H3), Grudeöfen (G40), Gradierwerke (G35) etc. etc., und sie hatten noch nicht mal eine App, um zwischen und mit diesen Gerätschaften, Einrichtungen, Bewerkstelligungen und Inventaren klar zu kommen. Ich vermute, das Leben zu diesen Zeiten war ungeheuer komplex und stressig - das können wir uns in der Guten Neuen Zeit gar nicht mehr vorstellen. Wenn man früher Geld überwiesen hat, dann mußte man in eine „Bankfiliale“ gehen, an einem „Schalter“ sich anstellen und dort ein „Überweisungsformular“ ausfüllen. Wahrscheinlich haben sie das Formular dann mit einer Pferdekutsche weitertransportiert. Wahnsinn. Wie kompliziert das alles war! Ich glaube, die hatten früher noch nicht mal Paketverfolgung. Das weiß ich allerdings nicht genau.

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