Freitag, 22. November 2013

G13 - Geschäftsräume




Zunächst einmal hat der Brockhaus-Verlag angekündigt, dass die Produktion von Lexika eingestellt wird(*).  Die heutige Illustration ist sogar prophetisch: wir sehen rechts oben einen Lexikon-Vertreter, der dem „Geschäftsinhaber“ verzweifelt die 30bändige Brockhausausgabe verkaufen will, mit dem Argument, seine verzweigten und schwierigen Geschäfte würden zukünftig vom lexikalischen Ratschlag profitieren. Die Sekretärin wikipediert stattdessen in diesem Moment kichernd „Vorsteuerabzug“. Im „Panzerschrank“ liegt nur ihr Käsebrot, weil es dort drinnen so schön kühl ist. Aber der Vertreter weiß, sein Bemühen wird vergeblich sein, denn links auf dem Schreibtisch neben dem „Geschäftsinhaber“, da liegt schon das iPad, der spiegelnde Granitstein auf dem Grabmal der Brockhäuser. –Ich hatte es an anderer Stelle schon einmal geschildert: meine Zuneigung zu Kaufhäusern, und wie ich als Kind dachte, alle Gegenstände dieser Welt seien dort ausgestellt. Es ist reizend, dass ausgerechnet die Kurzwarenabteilung, das Herz jedes Warenhauses, hier illustriert wird. Aber die Zeiten: Der Karstadt Wilmersdorfer Straße hat jetzt seine komplette Phono-Computer-CD-Abteilung geschlossen und stattdessen dort abwechselnd Ständer mit Strickjacken für ältere Damen und Push-Up-BHs für jüngere Damen aufgestellt. In derSZ vom Samstag las ich nach, all diese Bemühungen werden vergeblich sein, denn mit Strickjacken und Büstenhalter gewinne man nicht den Kampf um das 21. Jahrhundert. Der Sohn des Picassosammlers Berggruen sei kein Retter der verlorenen Zeit, sondern nur ein Investor, nicht mehr und nicht weniger. Traurig deshalb, weil zwei meiner Träume der Kindheit nun endgültig sich zerschlagen: ein Buch, in dem alles geschrieben steht, was man wissen könnte, und ein Laden, in dem alle Gegenstände dieser Welt vorhanden sind. Paradox daran ist, meine Träume sich trotzdem erfüllen zu sehen, aber völlig anders als ich gedacht habe: in meinem iPhone finde ich innerhalb Sekunden jede Information, die jemals veröffentlicht wurde, und was es nicht im Pennymarkt gibt, das kaufe ich bei amazon: 69mal seit Jahresanfang. Insofern könnte ich ja zufrieden sein und müßte nicht dem „Kassenblock“, den „Kurzwaren“, der „Kleiderpuppe“ und der „Registrierkasse“ hinterherjammern. Aber alles sträubt sich dabei bei mir, - Wikipedia ist nicht Alexandria, und der Amazonas fließt aus dem Herz der Finsternis. Ich weiß gar nicht so recht, warum ich an der Alten Welt hänge, aber bestimmt gibt es da auch eine Wahrheit, die ich nicht besonders mag: die Welt und ich werden gleichzeitig älter. Das sind zwei unterschiedliche Bewegungen in verschiedener Wahrnehmbarkeit. Dabei ist es nicht einmal mein eigenes Altern, das mich an meine Endlichkeit erinnert. So oft schaue ich ja nicht in den Spiegel, und wenn, dann bin ich immer noch 15 ½ Jahre alt. Es ist das Altern der Umgebung und Gegenwart, das ich nicht übersehen kann und mich immer öfter daran erinnert, irgendwann einmal zu sterben, und zwar nicht in einer Zukunft, sondern in einer zukünftigen Gegenwart. Und das nehme ich der Gegenwart übel. Die blöde Kuh. – Genau dazu ausnahmsweise mal ein Link.  Es zeigt unter anderem meine Mutter als sehr junge Gardinenverkäuferin in den Geschäftsräumen einesKaufhaus. Und ja, das Foto ist ungefähr von 1952. Einen Moment lang war ich verblüfft, meine Mutter, mit der ich noch am Sonntag telefoniert habe, als „die Verkäuferin“ in der Illustration im Brockhaus wiederzufinden, und ein weiteres Mal kreuzten sich die Zeiten.


(*) Der Originaltext ist aus dem Juni 2013

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