Freitag, 8. November 2013

F39 - Friedhof






Friedhof. Ich habe Friedhöfe immer gemocht. Ich habe auch keinerlei Beklemmungen, ich bin gern da. Die Grabinschrift von Marcel Duchamp lautete: „Außerdem sind es immer die anderen, die sterben.“ Genau, besser kann man es nicht sagen - jeder Gang über einen Friedhof ist ein Triumph eigenen Überlebens. Fast immer sind es ruhige Orte. Höchstens, daß die Verkehrsmaschinen von Tegel über den Nazarethkirchhof donnern, aber das ist ja auch bald vorbei, da die Engel bald vom Willy Brandt losfliegen. - Es ist wohl so, daß Friedhöfe eine ganz eigene und besondere Sorte von Ruhe produzieren. Die Stille hinter Thujahecken. Pappelrauschen. Das Geräusch, wie Wasser in Plastikgießkannen läuft. Alte Frauen, die mit einer kleinen Hacke den Erdboden lockern, der Dienst der Witwen. Friedhöfe sind wie verkleinerte Modellnachbildungen echter Städte: Pfade statt Straßen, Grabsteine statt Wohnhäuser. Man braucht nicht mehr so viel Platz. - Auf der Brockhausillustration sind Buchsbaum, Zypressen, Trauerweiden als Friedhofspflanzen. Lärchen und Ulmen fehlen. Erinnerung an einen Spaziergang über den Luisenstädtischen Friedhof in Berlin, da zieht sich eine Kleingartenkolonie unmittelbar an der rückwärtigen Mauer entlang, und die Tomaten werden von den Leichen gedüngt. Aber es hat schon so viele Menschen gegeben, und wahrscheinlich ist schon überall jemand mal begraben worden.– Schlimmstes Grabdenkmal, das ich jemals sah, ich glaube, es war auf einem Friedhof in Wilmersdorf: der Vater hatte zwei Brettchen von einer Apfelsinenkiste zusammengenagelt und mit Edding das horizontale Brettchen beschriftet. Beim Namen seiner toten siebenjährigen Tochter hatte er sich dann verschrieben, durchgestrichen und nochmal geschrieben. Gerade dieses Detail, das Verschreiben und Korrigieren, war am fürchterlichsten. In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich die Sitte durchgesetzt, Kindergräber mit Lieblingsspielzeug zu verzieren. Auf größeren Friedhöfen ist das dann eine Playmobilnekropole mit Barbies, Spongebobs, Windrädern und Holzlokomotiven. Und Gott, müssen sich all diese durchnässten Stoffhasen und Plüschhunde dort scheiße fühlen. Man braucht einen ziemlich geraden Tag, um sich das anzuschauen. Ich hab mal gelesen, daß fast alle Grabsteine aus Indien kommen und in den Steinbrüchen fast durchgängig Kinderarbeit praktiziert wird. Indische Kinder schlagen für deutsche Kinderleichen die rosa Granitsteine aus dem Fels. Die Eltern stellen dann Harry-Potter-Figuren von Lego drauf. Manchmal ist die Welt echt krass.– Und natürlich der Städtische Friedhof in H. Dort war die Grabstelle meiner Familie über mehrere Generationen. Mein Opa ist auf diesem Friedhof gestorben, als er alte Blumen vom Grab meiner Oma in den Container werfen wollte. Die Grabstelle ist mittlerweile gekündigt. Ich war vor ein paar Jahren dort, auch der Grabstein ist verschwunden und liegt wohl irgendwo auf der Grabsteinhalde unter dem Granit und Sandstein von anderen verlassenen Nachbarn und Zeitgenossen meines Opas. Oder die Dinger werden irgendwie aufgearbeitet und er ist jetzt ein Pizzastein. Friedhofstechnisch ist unsere Familie jedenfalls seitdem heimatlos. – Aber wenn man traurig ist, dann sind Friedhöfe gute Orte. Fast jeder hier hat etwas Wichtiges verloren. Und leider wird es niemand wiederbekommen. Und es ist so still dort.

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