Freitag, 9. September 2016

S51 – Schriftsetzen, Sextant etc.


Schriftsetzen. Also, damit wir das alles verstehen: beim Handsatz nehme ich die Schrifttypen aus dem Setzkasten und setze sie in den Winkelhaken. Mehrere Zeilen aus den Winkelhaken landen dann im Setzschiff. Dort wird die Kolumne mit dem Schließzeug fixiert. Das ist dadann die geschlossene Form. Dabei ist darauf unbedingt zu achten, dass die Zeilen gleichlang sind, weil sonst Typen herausfallen. Das alles ist natürlich märchenhaft umständlich. Im Prinzip ist das alles reiner Gutenberg. Der nächste Entwicklungsschritt war die Typensetzmaschine, bei der man die Auswahl der Buchstaben über eine Tastatur durchführte. Leider keine gute Idee, weil die Maschinensteuerung nicht fein genug für das penible Setzen ist. Und damit dann Auftritt der Linotype-Maschinen. Im Prinzip sind die ersten Schritte wie bei einer Typensetzmaschine, aber es wird mit Matrizen (=negative Buchstaben) gesetzt und anschließend der Satz dann mit Blei ausgegossen, was die Sache erheblich stabilisiert. Damit hat man dann 6.000 bis 10.000 Zeichen pro Stunde hinbekommen, also zwischen 100 und 160 Zeichen pro Minute. Das ist immerhin nur halb so langsam wie ein geübter Maschinenschreiber. Damit war erst einmal lange Zeit ein technischer Reifegrad erreicht. Weiter ging es dann mit der Ablösung von Blei durch Filme, und ab 1985 war es dann soweit: das DTP erreichte den Druck, zuerst als Vorstufe zur Filmentwicklung und schließlich dann als Digitaldruckverfahren: das Eingabegerät kann direkt vor der Druckeinheit stehen. Damit war es mit dem Satz vorbei.



Hinsetzen. Gerade wenn es sich um elementare Worte handelt, ist Sprache oftmals schwer zu verstehen. So ist es kein Problem im Deutschen, „Ich setze die Blumenvase hin“ und „Ich setze mich hin“ zu sagen. Etwas-Setzen und Hin-Setzen teilen sich das Wort Setzen wie zwei Soziologiestudenten in einer WG das Geschirrtuch. Der Engländer sieht das völlig anders – hier wäre es „put the flower vase.“ - Im Französischen ist es so: ein Kind setzt sich „mettre“, ein Erwachsener hingegen „planter“. Die Blumenvase wäre aber wiederum „mettre“, was zeigt, daß die niedlichen französischen Kinder sprachlich einer Vase näher stehen als dem Erwachsenensein. Ja, nur solche Leute schreiben eine verlorene Zeit.

Sextant. Es gab vor einiger Zeit mal einen Papp-Sextanten zum Selberbasteln. Interessantes Gerät. Beim Selberzusammenbauen kapiert auch die Funktion viel besser. Prinzipiell ist ein Sextant nur ein Winkelmesser. Man schaut durch das Okular und hat ein zweigeteiltes Bild – so kann man dann die Sonne, den Mond, was auch immer durch Verschieben der Alkibiade (das ist der Hebel) auf eine Linie setzen und dann den Winkel ablesen. Ich hab es einmal mit dem Hochhaus schräg gegenüber probiert: Sextant auf die Spitze fixiert, Entfernung bei Google rausgesucht und (NATÜRLICH MIT DEM RECHENSCHIEBER) mit dem Tangens die Höhe bestimmt – stimmte auf 2m genau. Gar nicht schlecht. - - - Mancher Leser mag einwenden, daß in diesem Blog viel zu sehr über diesen alten Krempel steht. Kann sein. Aber mit Hilfe des Sextanten wurden die Sieben Meere befahren und neue Kontinente entdeckt. Auf Schiffen, die mit Hilfe von Rechenschiebern konstruiert wurden. Die Anleitungen von Sextant und Rechenschieber wurden im Bleisatz gedruckt. Vergeßt nicht: die Welt, die Ihr da draußen seht, die wurde mit mechanischen und elektrischen Geräten gebaut. Nicht mit digitalen Rechnern. Wenn ihr durch eine durchschnittliche Berliner Straße geht, dürften ungefähr 60-80% der Häuser statisch mit Rechenschieber berechnet worden sein. Kleinen Linealen, die sich ineinander verschieben. Das gilt auch für nahezu 95% der Brücken, die ihr in Berlin überquert. Die Oberbaumbrücke wurde nicht an einem MacBook entworfen.

Senf. Den besten Senf überhaupt gibt’s aus meiner Geburtsstadt, den Schwerter Senf. In Berlin kann man ihn bei Goldhahn & Sampson und bei Manufactum kaufen. Ich wäre von diesen wunderbaren Senfen komplett abgeschnitten, wenn nicht Frau Wucht (ihr erreicht ihren sehr unterhaltsamen Twitterstream, wenn ihr Wucht und Twitter in eure Linotype tippt) mich nicht zuverlässig mit Schwerter Senf versorgt, und zwar mit den besten Sorten  mittelscharf und scharf. Ok, er kostet das Zehnfache vom Discountersenf, aber er ist hundertmal so lecker. Damit adelt ihr jede Rostbratwurst! - Update: ja, erst gestern habe ich mit Erica (die Frau aus der dramatischen Klinkengeschichte K32) eine Rostbratwurst mit Schwerter Senf gefuttert, und wir meinten dann auch gemeinsam: "Echt lecker, der Senf, aber wirklich."

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