(So:
die Brockhausferien sind vorbei. Das waren ja immmerhin 12 Wochen, gleich zwei Sommerferien hintereinander. Übrigens habe ich mit leisem Schrecken
festgestellt: wir sind noch immer nicht halb durch! Nach vorsichtiger Schätzung
sind wir noch ungefähr eineinhalb Jahre zusammen hier.)
Kapitell.
Ich bin etwas verwirrt. Gelernt hatte ich immer: dorisch, ionisch, korinthisch.
Zunächst das einfache dorische Kapitell, dann die ionische Variante mit den
Lockenwicklern und schließlich die florale korinthische Version. Erst schlicht,
dann immer verzierter. Das ist ja angeblich ein allgemeines kulturelles
Phänomen, von der Einfachheit bis zur Überladenheit, von romanischen bis
barocken Kirchen, von Bach zu Mahler, Beatles zu Yes, bis dann irgendwann der
Punk kommt, oder auch nicht. – Zur Entstehung des korinthischen Kapitells gibt
es eine hübsche Legende: die junge Korintherin Melite war früh gestorben und
aus Kummer über ihren Tod hatte ihre Amme einen Korb mit alten Spielsachen auf
ihr Grab gestellt und mit einer Deckplatte abgedeckt. Der Korb stand zufällig
über einem Akanthusstrauch, der im nächsten Frühjahr über den Korb hinwegwuchs.
Das sah dann der Bauherr Kallimachus und hat es als Vorbild für das
Korinthische Kapitell genommen (es gibt in der Pinakothek der Moderne ein
Gemälde von J.C. Reinhart über diesen Moment). Spielsachen auf das Kindergrab
zu legen – das scheint im letzten Jahrzehnt auch hierzulande Sitte geworden zu
sein. Kleine Puppen, Teddys, Lego, Barbie etc. Und wenn es ein Friedhof mit
Kinderabteilung ist, dann sehen diese Grabfelder aus wie über eine Wiese
verstreute Spielzeugläden, pink, rosa, hellblau und dazwischen die grauen
Grabsteine, graviert mit einem Vornamen und einer Handvoll Jahre. Grauenhaft.
Kappe.
Mir ist gleich die Boykappe aufgefallen. Aber gibt es das überhaupt noch,
Hotelpagen? Der Wikipediaartikel zu „Hoteldiener“ steht tapfer im Präsens,
obwohl ich mir das heutzutage gar nicht mehr vorstellen kann – ein kleiner
Junge, drei Generationen Mangelernährung, große Klappe, Furcht vor Oberportier Hans
Moser. „Der Page hilft auch bei der Bedienung der Aufzugsteuerung“, schreibt
Wikipedia trotzig. Genau, und er überbringt Rohrpostbriefe, die Boykappe keck
etwas schräg über den Scheitel gezogen. – Die Badekappe hat eine merkwürdige
Karriere hinter sich: mit der Erfindung von Gummikappen machte sie einen
steilen Aufstieg in den 20ern. Damals sollte sie die Haare trocken halten. Die
Badekappenpflicht in Hallenbädern ab den Sechzigern sollte Verstopfungen in den
Filteranlagen vorbeugen. Damals begann man ja auch, längeres Haar zu haben. Verbesserte
Filtertechnik führte aber dann dazu, daß es schon ab Mitte der Achtziger
nirgendwo Pflicht mehr war. Ich hab gerade in meinem Kleiderschrank
nachgeschaut: tatsächlich, da liegt noch eine schwarzrote Badekappe aus Lycra,
seit 30 Jahren nicht mehr benutzt. Das war dann die kurze Karriere der
Badekappe, Sechziger bis Achtziger, so ungefähr zeitgleich mit der
Langspielplatte. – Der Brockhaus von 1943 listet übrigens noch die
„militärische Kappe“, die man zu dieser Zeit aber nicht mehr recht brauchte.
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