Freitag, 4. April 2014

H34 - Hut




Hut. Ungefähr tausend Jahre gingen Mann und Frau nicht vor der Tür, ohne einen schönen Hut aufzusetzten. Wobei natürlich in den Zeitläuften der schöne Hut sehr verschieden schön war – ob hoch oder flach, mit oder ohne Krempe, mit oder ohne eingeklappter Krempe, mit oder ohne Feder, Band und Kordel, in braun, schwarz, grün und so weiter und so weiter. Und dann, eine Handvoll Jahre nach unserem Brockhaus, ist es plötzlich vorbei. Schon 1955 fühlt sich ein gewisser Hartwig Gottwald berufen, die „Arbeitsgemeinschaft Hut“ zu gründen und hatte damit die gesamte Industrie, „vom Stumpen-Großhändler bis zur kleinsten Putzmacherin“ – „unter einen Hut gebracht“, wie SPIEGEL OFFLINE witzelte. Unglaublich: dieser Hartwig Gottwald, später hessischer CDU-Politiker, scheint heute 96jährig noch immer am Leben zu sein. Der Mann hat allerdings in den letzten 50 Jahren noch einiges mehr an verbreiteter Hutlosigkeit sehen müssen. Ab ungefähr 1960 scheint seine Arbeitsgemeinschaft Hut den Kampf endgültig zu verlieren. Angeblich auch wegen der immer stärkeren Verbreitung des Autos. Mein Opa hatte stets einen Hut auf und ist auch mit ihm auf dem Kopf autogefahren. Obwohl – er war ziemlich klein, und durch steigende Körpergröße durch bessere Ernährung wurde es für Hutchauffeure immer schwieriger. Bei den heutigen SUVs dürfte das allerdings kein Problem mehr darstellen (aufgepaßt, Hartwig Gottwald: „Man fährt wieder einen Hut.“) Mein Opa hatte immer so einen Hut wie den in der Detailzeichnung. Wahrscheinlich nennt man ihn Fedora. Diesen Namen kenne ich, so heißt eine Linux-Distribution von Red Hat. Mein Vater wiederum bevorzugte kleinere Exemplare, die man – glaube ich – Trilby nennt. Meine Unsicherheit rührt nicht zuletzt daher, nie einen Hut besessen zu oder aufgehabt zu haben, außer zu Karneval. Ich hätte auch erhebliche Probleme mit der korrekten Benutzung im täglichen Verkehr. Vor einer Frau zieht man den Hut. Vor einem Mann nicht? Nie? Behält man in der U-Bahn den Hut auf? Auf dem U-Bahnsteig? Tausend Jahre hat es gedauert, um ein komplexes Regelwerk für den Hut auszubilden, eine Grammatik des Hutes, und binnen einiger Jahrzehnte ist alles vergessen bis auf ein paar Brocken, die man in alten Filmen gesehen hat. – Manchmal habe ich bei der Abfassung dieser Aufsätze den Eindruck, viel mehr sei in den letzten 60 Jahren verschwunden als neu hinzugekommen. Berlin hatte z.B. 1936 ungefähr 250 Hutgeschäfte. Ist es eine zeitoptische Täuschung, daß mir die Brockhauswelt von 1952 reichhaltiger und komplexer vorkommt als die Gegenwart? Nehme ich damaliges Alltägliches als außergewöhnlich wahr, während ich Heutiges als Selbstverständliches nicht mehr sehen kann? Hm. Es ist wohl eine Legende die Welt sei komplizierter, schneller, unübersichtlicher geworden. Es gibt 18 Sorten Milkaschokolade und 350 verschiedene Linux-Distributionen. Aber es gibt keine Hüte mehr, keine Hutständer, kaum mehr Hutgeschäfte, keine Hutbürsten, in den Hutschachteln sind nur mehr Torten, der Hut wird nicht mehr vom Kopf gezogen und der eigene Name nicht mehr golden ins Schweißband geprägt - der gesamte Komplex ist verschwunden, und zwar ersatzlos, lebendig allenfalls als Scherzartikel oder modische Schrulle. Chateaubriand berichtete mal von einige Völkern am Orinoko, die so schnell ausstarben, daß von ihren Sprachen nur ein paar Wörter übrig blieben, die freigelassene Papageien von den Bäumen herunterriefen. - Vielleicht geht es bald auch den Mützen an den Kragen. Das ist zwar unwahrscheinlich, aber das haben die Hutbarone damals auch gedacht. - Ich werde die Arbeitsgemeinschaft Mütze gründen. Aber vorher zu Hartwig Gottwald fahren.

Kommentare:

  1. Immerhin zwei Hutläden kenne ich in Berlin (Pankow und Mitte) - wahrscheinlich meistbesucht von Hipstern (die der Brockhaus sicherlich noch nicht kennt)...

    Sehr interessante Einblicke und amüsante Beobachtungen - ich freue mich auf Freitags! Danke!

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    1. Da haben Sie natürlich recht, Nele, kein Hipster in der Brockhaus-Welt. Der Hipster von 1952 ist wohl eher der Stutzer, und den gibt es natürlich im Brockhaus. - Danke für Ihren netten Kommentar, und viel Spaß weiterhin!

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  2. Angeblich war es ja Kennedy, der seinerzeit der Hutmode den Todesstoß versetzte, indem er das Hütetragen seiner Frau überließ: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43160219.html

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